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"Morgendämmerung" 

Das Bild Hermanns' im Ausstellungssaal des Vereins Berliner Künstler.


 



 

Kenner. Unter vielen Bildern endlich ein Bild! Wie glänzt die Farbe durch ihre Abwesenheit! Und welche Wahrheit und welches Leben! 

Seine Frau. Das wäre wohl ein Leben, das Dir gefiele, -- Morgens mit dem letzten Mondstrahl aus dem Restaurant zu kommen und in solcher Gesellschaft, links
eine geborene Offenbach und rechts eine verwitwete Dumas! 

Socialdemokrat. Dieses Bild wirkt auf das Volk, wie eine Rede Hasselmanns. Eines finde ich nur auszusetzen: die fünf Leute, die zur Arbeit gehen. Der wahre
Arbeiter strikt. 

Backfisch. Das ist aber nicht richtig, Papa. Die Ehrenjungfrauen tragen hier keine weißen Kleider. 

Papa. Liebes Kind, Du verwechselst das Bild mit Camphausens "Einzug der Siegestruppen in Berlin", das gegenüber hängt. 

Lebemann. Glückliches Paris, das solche Restaurants hat! Komme mal Einer hier in Berlin so von Poppenberg! Um zehn Uhr weiß es schon die ganze Stadt. 

Enthusiast. Ein wahres Cabinetstück! 

Kalter Vernünftler. Ja, aber Cabinet particulier. 

Dr. Nörgler. Mein moralisches Gefühl wird, aufrichtig gesagt, nicht befriedigt. Wo ist die Versöhnung, die Gerechtigkeit? Denn daß der Herr da mit einem
furchtbaren Kater nach Hause kommt, ist eine Strafe, die mir nicht genügt. Der Maler hat anzudeuten versäumt, daß die beiden Damen ihrem Galan wenigstens die
Brieftaschen gestohlen haben. 

Stadtverordneter. Auch in Paris scheint, wo es nöthig ist, die Polizei zu fehlen. 

Mäcen. Ich protegire die Kunst, und sobald die Photographien dieses Bildes erschienen sind, kaufe ich mir sofort eine und wenn sie drei Mark kostet. 

Graf. Reizende Mädchen, zu reizend für Begleiter, wenn bürgerlich. 

Gräfin. Empörend! Welche Scene! Mich überläuft's! Wenn das sich am frühen Morgen so geberdet, was mag gegen Abend sein! Comtesse, merken Sie sich doch
den Schnitt des Kleides des einen dieser Frauenzimmer. 

Realist. Herrlich! Prächtig! Ein Hermanns-Denkmal der Befreiung vom Joche der Idealisten! Hier ist keine Lüge, keine Heuchelei, die Wirklichkeit ohne
Farben-Larve, ohne die ungesunde Maskerade der sogenannten Phantasie! 

Weißbierphilister I. Donnerwetter, was mag bloß der Schlampanjer in's Jeld loofen un nu erst die Nachtdroschke! 

Weißbierphilister II. Un was muß die Wohnung kosten, wo so'n jroßes Bild hängen kann! Denke Dir bloß die Miethssteuer. 

Politiker. Ein Land, in dessen Hauptstadt es schon früh Morgens so zugeht, kann unmöglich das verlorene Prestige wiedererlangen. Aus den Falten dieser Tüllroben
glotzt ein neues Sedan. 

Bebelianer. Nur so fort, Ihr Protzen des Genusses, und wälzt Euch weiter auf den Polstern der Austernsalons, die Mienen dieser wackeren Ouvriers prophezeien
einen neuen Communeaufstand. 

Praktiker. Wenn meine Bilanz gut ausfällt, kaufe ich das Bild, -- nach zehn Jahren ist es das Doppelte werth. 

Unerbittlicher Kritiker. Ein wahres Kunstwerk, aber das Souper scheint nicht bedeutend gewesen zu sein. Keiner der Gäste hat einen Zahnstocher im Munde. 

Kahlkopf. Es ist haarsträubend! 

Ultramontaner. Ein solches Bild konnte nur in einer Zeit entstehen, in welcher die Maigesetze wild wachsen. 

Ketzer. Freilich, die Pater Gabriel pflegen die Polizeistunde innezuhalten. 

Feuilletonist. Entzückend! Eine gemalte Familientragödie, ein mit dem Pinsel geschriebener Turgenjew, eine socialistische Novelle von Gaudet auf Leinewand! 

Moralist. Entsetzlich! Der Tingeltangel in Oel, das Orpheum im Goldrahmen! 

Maler. Das Bild ist viel zu groß, zu matt in der Farbe und in seiner Arbeitergruppe zu undeutlich und zu wenig bewegt. Auch finde ich hier und da bedenkliche
Fehler in der Zeichnung. Das Ganze könnte einheitlicher sein. Jammerschade, daß das Bild nicht von mir ist! 


 

 

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