Der socialdemokratische "Volksstaat" wird unter stehender Rubrik und
laufender Nummer alle ihm zur Kenntniß gelangenden Fälle von
Sittenverwilderung in den
Kreisen der Besitzenden sammeln, am Jahresschlusse die Summe dieser
Fälle feststellen, ihre Beschaffenheit beleuchten und daraus den Beweis
liefern, daß die
Bourgeoisie der Arbeiterklasse an Rohheit und Sittenlosigkeit, in Qualität
und Quantität der Fälle ungeheuer, wenigstens doppelt und dreifach,
überlegen ist.
Wir begrüßen diese Rubrik mit der uns eigenen Herzlichkeit.
Es muß denn doch endlich einmal statistisch nachgewiesen werden können,
daß nur unter gewechselter
Wäsche die schwärzesten Pulse schlagen und jeder Mensch,
welcher seiner Arbeit, seiner Intelligenz, oder dem Glück mehr oder
weniger Besitz verdankt,
gewöhnlich sich, ein Diogenes des Verbrechens, vor der Dynamit-Tonne
umherwälzt und die Bernburger Höllenuhr aufzieht, während
der wahre Abonnent des
"Volksstaat" hungernd und nackt eine Tugend nach der andern übt.
Mit Vergnügen wollen wir das genannte Blatt unterstützen und
ihm hiemit einige Nummern verderbter Sitten übersenden, welche ohne
Weiteres einzustreuen sein und
gewiß eine Zierde der betreffenden Statistik bilden werden.
No. 236. Ein Herr, welcher vorgestern bald nach Mitternacht aus
den Kreisen der Besitzenden über die Alsenbrücke heimkehrte und
sich durch das Ticken,
welches aus seiner Westentasche und dem mit Piltzwerk verbrämten
Ueberzieher hervordrang, als ein Herrschender verrieth, wurde daselbst
von einem
Beherrschten, welcher mit einer darbenden Wittwe lebt, gefragt, was
die Uhr sei. Dabei mag der Arme mit seinem Spazierstock, um sich gegen
den zu allen
Rohheiten bereiten Besitzbold auf alle Fälle zu schützen,
etwas gefuchtelt haben, kurz, dieser Herrschling stürzte davon und
ließ den armen Menschen, ohne ihm zu
sagen, was die Uhr sei, mitten in der Nacht auf der Alsenbrücke
stehen! Zugleich eine Rohheit und eine Frechheit!
No. 497. Gestern Abend hatte der steinarme Hausknecht eines Weinhändlers
ein Dutzend Flaschen Steinberger Cabinets in ein Haus zu bringen, welches
mitten im
Kreise der Besitzenden steht und in dessen erster Etage ein Mast-Nabob
wohnt, welcher eine Gesellschaft gab. Nachdem derselbe den Wein mit Doppelkronen
bezahlt hatte, welche noch von den Thränen der Waisen warm waren,
ersuchte der Hausknecht ihn unter der wahrheitsgetreuen Angabe, daß
seine Kinder zu Hause
nach einem Glase guten Weines schrieen, um etliche Flaschen des abgelieferten
Getränks, andernfalls würde er ihm ein Fenster zertrümmern.
Nach der zu
erwartenden Weigerung hielt der wackere Hausknecht als Ehrenmann sein
Wort und wurde verhaftet. Der Besitzende aber und sein geladener Mob tranken
die
Flaschen leer, während der arme Mensch auf dem Polizeibureau seinen
Namen und seine Wohnung zu Protocoll geben mußte!
No. 615. Vor etlichen Tagen stellte sich abermals ein junges
Mädchen, das, wie sich ergab, die Tochter eines Arbeitervampyrs ist,
derart vor einen daherjagenden
Schlächterwagen, daß dieser über sie hinwegfahren mußte.
Die Rohheit der sittenverderbten, von Renten und Wittwenseufzern immer
feister werdenden Bourgeoisie theilt sich also, wie wir sehen, auch deren
Töchtern mit, welche im Uebermuth sich vor die eiligen Wagen der Schlächter
stellen, um den Lenker des Gefährts in der Erfüllung seiner Pflicht
zu behindern und womöglich in eine Anklage wegen fahrlässiger
Tödtung oder schwerer Körperverletzung zu verwickeln. Der Zweck
ist wieder erreicht, abermals wird auf dem Altar des Geldprotzenthums ein
Schlächtergeselle geopfert!
Wir stellen dem "Volksstaat" noch eine Reihe ähnlicher Sittenlosigkeiten
zur Verfügung und zwar im Interesse der guten Sache honorarfrei.
Die Rohheits-Reporter
der Berliner Wespen.
Abtheilung für Sittenverderbniß der Besitzenden.