Deutschland!
Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war wüst
und leer, und es war finster in der Tiefe.
Was that Gott? Er sprach: Es werde Wagner. Und es ward Wagner. Da ward
aus Abend und Morgen der erste Tag in Bayreuth.
Leider hatte es Gott nicht lassen können und auch Menschen geschaffen,
und diese überflutheten Bayreuth.
Ich habe nicht zu verhindern vermocht. Ich mußte es auch dulden,
daß diese Menschen mit unbeschreiblicher Frechheit einen Patronatsschein
kauften, die Stirn hatten, die Reise zu unternehmen, sich nicht entblödeten,
die Hitze und Entbehrungen in Bayreuth zu ertragen und hier aller Unverschämtheit
die Krone dadurch aufzusetzen, daß sie sich im Dunkel Meines Theaters
sonnten.
Während Ich daran denke und dies schreibe, stehen Mir die Lorbeeren
zu Berge und wankt Mir der Sockel unter den Füßen.
Ja, es kamen Menschen nach Bayreuth, gewöhnliche, gemeine Menschen,
mit den gewöhnlichsten irdischen und landesüblichen Ohren, mit
den Gehirnen, von denen fünfzehn auf eine Mandel gehen. Sie kamen
und ballten sich zu einem sogenannten Publikum zusammen, wie etwa zu einem
Drama Schillers, zu einer Dame ohne Unterleib, zu einer Oper Mozarts, zum
Aufsteigen eines Luftballons, oder zu sonst einem ganz gewöhnlichen
Schauspiel.
Ich war wie aus der Zukunft gefallen, als Ich dies sah. Aber Ich fühlte
Mich geradezu der Sterblichkeit nahe, und der Angstschweiß trat Mir
auf den Heiligenschein, als Ich bemerkte, daß sich unter den Menschen
etwelche befanden, welche andere Componisten hatten neben Mir, das Dogma
von der ewigen Melodie bestritten, um die goldene Hochzeit des Figaro tanzten,
ja, dem Wagnerseibeiuns Rossini sich verschrieben hatten. Und Ich habe
sie dulden müssen, diese Wagnerleugner, diese Musikheiden, diese Melodiendiener,
denn sie hatten bezahlt, und ihr verruchtes Geld klang in Meinem Kasten,
da Ich mit dem Rheingold allein das Deficit nicht zu schaffen vermochte.
Nun aber, Deutschland, erwarte Ich, daß Du Dich der Ehre würdig
zeigst, Mein Vaterland zu sein. Du hast von Deinen Volksvertretungen schon
oft für die Schule, für Eisenbahnen, für den französischen
Krieg, für den Nothstand und für andere unnütze Dinge Geld
verlangt, nun verlange von Deinem Reichstage jährlich hunderttausend
Mark zum Ankauf von Zuschauerplätzen für die solcher Auszeichnung
Würdigen.
Nur so wird es möglich sein, daß fortan keine Menschen nach
Bayreuth kommen, sondern nur geaichte Wagnerianer.
Mir blutete Meine Unfehlbarkeit, als Ich erfahren mußte, daß
bei den jüngsten Reichstagswahlen die Candidaten nicht nach ihrem
musikalischen Bekenntiß gefragt und daß somit Männer gewählt
wurden, welche der Partei Wagner sans phrase nicht angehören, aber
noch ist es nicht zu spät, wenn der Reichstag seine Pflicht thut:
er gebe dem Kaiser, was des Kaisers, und Wagner, was Wagners ist, sagt
der Prophet.
Bedenkt der Deutsche Reichstag, daß Ich von der Höhe von
Bayreuth auf ihn herabschaue, so wird er den Antrag ohne Discussion annehmen.
Im anderen Falle wäre es wohl passend, wenn während des Hammelsprungs
etliche Leitmotive aus Meinem Rheingold geblasen würden.
Die jüdischen Mitglieder des Reichstags dürfen mitstimmen,
wenn sie das Geld bewilligen.
Dagegen, Deutschland, verpflichte Ich Mich, den Reichstag acht Tage
nach Bewilligung des Geldes auf das Tiefste zu beleidigen, wie ich bisher
Alle beleidigt habe, die Mir hülfreich und freundschaftlich entgegenkamen,
so eben jetzt die Menschen, welche in die Bühnenfestspiele verwickelt
waren.
So wahr Wagner lebt!