Bemerkung der Redaction. Der Krieg-in-Sicht-Artikel der Norddeutschen
Allgemeinen Zeitung hat, wie die Weser-Zeitung versichert, dem Lande sechszehn
Millionen gekostet, abgesehen von den Verlusten, welche die Fondsbörse
erlitten hat. Außerdem hat er viel böses Blut in den Nachbarstaaten
gemacht und die Friedensfreunde auf das Tiefste verletzt.
Es ist uns leider nicht möglich, dem Lande die pecuniären
Verluste zu ersetzen, noch in den Nachbarstaaten gutes Blut zu machen,
aber wir wollen es wenigstens versuchen, die Freunde des Krieges, die Armeelieferanten,
die Baissiers, die Geschützgießer, die Revanchelustigen, die
Chauvinisten etc. etc. gleichfalls auf das Unangenehmste zu überraschen,
indem wir den folgenden Artikel hiermit der Oeffentlichkeit übergeben,
welcher nichts weniger sein soll, als ein bedeutsames Friedenspalmengerassel
und ein Rühren der Ruhetrommel. Er lautet:
"Die freiwillig gouvernementale Fühlung, welche das Reichskanzleramt
mit uns hat, setzt uns in Stand, nunmehr endlich uns ernsthaft mit den
beruhigenden Gerüchten zu beschäftigen, welche seit einiger Zeit
in gewissen Kreisen so großen Schrecken verbreiten. Wir sind in der
unglücklichen Lage, diese Gerüchte nach allen Seiten
hin bestätigen zu können.
Vornehmlich ist es die Unmöglichkeit, einen Krieg zu unternehmen,
welche die Großmächte nöthigt, sich mit der Erhaltung des
Friedens zu beschäftigen. Rußland hat
mit dem Dynamit im Innern so viel zu thun, daß es ihm wie dem
St. Gotthard geht, welcher sich jetzt nach so zahlreichen Explosionen,
Bohrungen und Sprengungen
nach Ruhe sehnt. Statt daran zu denken, irgend eine Macht anzugreifen,
fürchtet es, angegriffen zu werden, es zittert schon bei dem Gedanken,
daß das Herzogthum
Meiningen, welches im kommenden Sommer zu einem Cyklus von Vorstellungen
in St. Petersburg einzurücken beabsichtigte, für den Fall, daß
das Theater nicht allabendlich ausverkauft sein würde, darin einen
casus belli erblicken könnte. Ebenso hat Frankreich allen Grund, jeden
Gedanken an einen Krieg zu unterdrücken, und es wird darin schon durch
die Furcht, den letzten Napoleon auf den Thron retiriren zu sehen, lebhaft
unterstützt.
Die Folgen konnten nicht ausbleiben. Die Erbswurst liegt darnieder,
in Ochsen und Hammeln ist es still, und in Waffen findet wenig Bewegung
statt. An den Grenzen
werden keine Truppen zusammengezogen, keine Festungen armirt. Damit
aber sind die traurigen Schatten, welche der kommende Frieden vor sich
herwirft, noch nicht vollzählig bezeichnet; fast unbeschreiblich ist
der Jammer, welcher in den Fixerkreisen herrscht, woselbst man auf ein
Fallen der Course rechnete, während die
Getreidewucherer dem Wogen der Kornfelder händeringend entgegensehen
ohne Aussicht, daß der Krieg die Erndten zerstampfen wird.
Fügen wir noch hinzu, daß auch der leitende Staatsmann, krank
und Großvater wie er ist, der am Horizont sich zeigenden langen Dauer
dees Friedens mit Befriedigung entgegensieht und sein ganzes Bestreben
darauf richtet, diese lange Dauer noch zu verlängern, so ist allerdings
die Lage der Armeelieferanten, der Revancheschreier und vieler anderen
Industriellen eine trostlose."
*
Wir können diesen Leitartikel nicht in die Druckerei geben,
ohne einen zweiten folgen zu lassen. Da nämlich der Schaden, welcher
den nach Krieg lechzenden Kreisen durch den obigen Artikel zugefügt
wird, vielleicht, da wir nicht schon an demselben Tage der Ab- und Aufwiegelei
folgen lassen können, zu groß wird, so geben wir in dem folgenden
Artikel der gesammten politischen Hetzpresse einen Fingerzeig, durch dessen
Beherzigung ihre Manipulationen außerordentlich vereinfacht werden
könnten. Statt erst durch einen Artikel Angst und Entsetzen zu verbreiten,
um dann in einem zweiten mit einer Selbstdementirung den gegentheiligen
Effect hervorzubringen, wäre es gewiß weniger umständlich,
wenn die Hetzzeitung ihre Auf- und Abwiegelungen nach folgendem Schema
in einem einzigen Artikel abmachte:
"Ein Blick auf die Westgrenze unseres russischen Nachbars wird zur Genüge
die Behauptung rechtfertigen, daß der Friede auf's Aueßerste
bedroht ist. Wie lächerlich diese Behauptung ist, geht schon aus der
bekannten Friedensliebe des Zaren hervor, einer Friedensliebe, die anzuzweifeln
keinem Menschen mit geraden Sinnen einfallen kann. Der Zar will also den
Krieg und sinnt darauf, ihn vom Zaune zu brechen, obwohl es auf der Hand
liegt, daß er nicht im Traume daran denkt.
Die neuen russischen Festungsbauten sprechen ebenso deutlich für
die Angriffsgedanken Rußlands, wie für seine Friedfertigkeit.
Wir können uns mithin um so eher aller Befürchtungen entschlagen,
als sich diese Sorglosigkeit auf das Bitterste rächen wird. So sehen
wir den politischen Horizont in ungetrübter Reinheit vor uns,
wenn wir von den unheilschwangeren Gewitterwolken absehen, welche ihn
vollständig bedecken. Schon klingt das unheimliche Rollen des Kriegsdonners
vernehmlich bis in unsere Redaktion, welche, wie wir auf das Bestimmteste
versichern können, sich hierin wieder einmal ganz gründlich täuscht."