Heute Vormittag 10 Uhr wurde die internationale Steuer-Ausstellung
auf dem Tempelhofer Felde eröffnet. Die Feier ward vom herrlichsten
Wolkenbruche, bei dem
man vom Regen in die Traufe kam, begünstigt. Der Gedanke, die
verschiedenen Leistungen aller Völker auf dem Gebiete des Steuerfaches
zu einem übersichtlichen
Gesammtbilde zu vereinigen, ist für uns um so schätzbarer,
als sich bei dieser Gelegenheit wieder einmal auf's Deutlichste herausstellt,
daß das so viel geschmähte
Deutschland auch in diesem Zweige nicht nur jede Concurrenz mit den
andern Staaten getrost aushalten kann, sondern selbige in vielen Punkten
weitaus überflügelt.
Indem der preußische Finanzminister in seiner Eröffnungsrede
diesen Gesichtspunkt besonders betonte, gab er zugleich der Hoffnung Ausdruck,
daß die aus der
neuen Ausstellung zu ziehenden Erfahrungen Veranlassung zu neuen Anstrengungen
auf dem schwierigen, aber dankbaren Felde der Steuerfabrikation bieten
werden.
Es folgte sodann der Rundgang der Geladenen durch die Ausstellungsräume.
Die Aufmerksamkeit galt zunächst den sinnreich arrangirten Zimmereinrichtungen:
man
sieht der Reihe nach ein deutsches, englisches, französisches
etc. Zimmer, in welchen der Steuermann nebst nachfolgendem Executor gehaust
haben. Schon hier zeigt
sich die Ueberlegenheit unseres Vaterlandes unzweifelhaft, denn das
deutsche Zimmer ist total leer; selbst die Nägel in der Wand und die
Gardinenhaken sind
abgepfändet.
Von hier gelangt man zu dem prachtvollen Wilberg'schen Cyklorama "New-York",
welches als Allegorie der durch fortgesetzte Anwendung der Steuerschraube
bewirkten Auswanderung aufzufassen ist. Gleich darauf sieht man eine
doppelte Ausstellung vergoldeter Pyramiden, deren erste den Goldwerth der
in verschiedenen
Staaten jährlich erzielten Steuern darstellt, während die
zweite den Werth der versprochenen und nicht gehaltenen Steuererlässe
versinnbildlicht. In beiden Reihen
steht die deutsche Pyramide als Siegerin da. Daneben haben Castan und
Präuscher einige besonders merkwürdige Wehrsteuerpflichtige in
Wachs ausgestellt, doch
ist ein längeres Betrachten für Schwachnervige nicht rathsam.
In dem anstoßenden Quittungssteuersaale begegnen wir unter Anderm
den wohlbekannten Markstempeln, welche den Theaterbillets, wie den Fünfzigpfennigstempeln,
welche den Fahrscheinen der Pferdebahn aufgeklebt werden.
Wir gelangen von hier aus in eine wegen ihres Inhalts höchst merkwürdige
Rotunde. Sämmtliche in ihr aufgestellten Gegenstände stammen
nämlich aus dem Auslande
und waren trotzdem frei von jeder Eingangssteuer. Wir erwähnen
hier namentlich die Skelettfragmente von Ichthyosauren, Plesiosauren und
Pterodaktylen, ferner Wasser vom heiligen Ganges und echten Staub aus der
Sahara. Auch einiges steuerfreies Vieh, wie Hirschkäfer, Ochsenfrösche,
weiße Mäuse etc. ist in dieser Rotunde vertreten.
Wie überall auf Ausstellungen so begegnen wir auch hier einer Anzahl
von Dingen, die mit dem strengen Grundcharakter der Veranstaltung nicht
ganz harmoniren. Treten wir in den Garten, so bemerken wir links eine Würfelbude,
zu deren Besuch die Passanten von einem speculativen Gedächtnißkünstler
eingeladen werden. Jeder Wurf mit 3 Würfeln kostet 10 Pfg. excl. Knobelsteuer.
Wirft man über dreizehn, so sagt der Budenbesitzer sämmtliche
deutschen Steuern ohne Steckenbleiben und Anstoßen her, wirft man
unter dreizehn, so hat man verloren und der Mann sagt nichts.
Wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten haben auch
hier wieder die Herren Friedländer und Sommerfeld in einem besonderen
Pavillon eine Filiale ihres
Bankgeschäfts eingerichtet. In dieser finden Liebhaber der Börsensteuer
reichlich Gelegenheit, ihre Neigung zu befriedigen. Auch sind die Loose
zur
Ausstellungslotterie à 1,75 Mark (incl. 75 Pf. Loosstempel)
zu haben.
Diese Lotterie beschäftigt die Ausstellungsbesucher schon jetzt
auf das Lebhafteste, und in der That sind auch die zur Verloosung angekauften
Gegenstände durchaus geeignet, das allgemeine Interesse zu erregen.
Da finden sich hübsche Papierkörbchen, welche denen nachgebildet
sind, in die die Steuerbehörden die Reklamationsgesuche zu werfen
pflegen, ferner artige Spielwaaren, unter denen wir die automatischen nationalliberalen
Bewilligungsmännchen hervorheben. Nicht übel wird dem resp. Gewinner
auch ein Fäßchen Steuerschnaps bekommen, mittelst dessen jeder
Steuer-Aerger betäubt werden kann. Weitere Gewinnste sind: ein Flakon
mit Steuer (Ess-)Bouquet, ein Buch betitelt "Der kleine Steuerzahler in
der Westentasche, oder die Kunst, auf 24 Arten sein Vermögen in Steuern
durchzubringen", etc.
Schon hier wollen wir in Kurzem der internationalen Jury gedenken, welche
am Schlusse der Ausstellung Medaillen, Ehrenpreise und Diplome an die besten
Leistungen vertheilen wird. Die große goldene Medaille soll an
den Aushecker der hervorragendsten Steuer, das heißt derjenigen Steuer,
die bei größter Belästigung
des Publikums und kleinster Controlirbarkeit den relativ geringsten
Betrag abwirft, vergeben werden. Man nimmt an, daß diese Medaille
in Berlin bleiben wird.
Auch von Industriellen aller Art ist die Ausstellung reichlich beschickt
worden. Wir finden hier beispielsweise Mikroskope, mittelst deren die modernen
unter dem Einfluß der Korn-, Mahl- und Backsteuer erzeugten Semmeln
sichtbar gemacht werden, wie auch dauerhafte Stricke, Revolver und Chemikalien,
durch deren Anwendung geplagte Steuerpflichtige weiteren Zahlungen vorbeugen
können.
Für die Erfrischung ist durch den kleinen, den mittleren und den
großen Poppenberg gesorgt. Da die Ausstellung von Einschätzungscommissarien
wimmelt, so durfte sich Referent, der unvorsichtigerweise beim großen
Poppenberg gespeist hatte, nicht wundern, bereits beim Nachhausekommen
eine Zuschickung vorzufinden, derzufolge er um drei Steuerstufen erhöht
worden war.