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Lügen-Chronik der Berliner Wespen.
An unsere Leser.
Seit einiger Zeit ist es mehreren Blättern gelungen, trotz der
immer vollkommener werdenden Straßenreinigung einen nicht unerheblichen
Absatz an den öffentlichen Verkaufsstellen zu finden, und zwar, wie
uns versichert wird, durch Veröffentlichung unerhörter Lügen
und Verleumdungen. Es werden ehrenwerthe Mitbürger in den Verdacht
der Unterschlagung, des strafbaren Eigennutzes, der Unsittlichkeit u. s.
w. gebracht, von welchem ja immer etwas hängen bleibt und zwar, worauf
es hier in erster Linie ankommt, zehn Pfennige des entzückten Lesers
an dem Herausgeber des betreffenden Blattes.
Dieser Umstand bestimmt uns, hiermit gleichfalls für unser Blatt
eine Aera frecher Lügen und gewissenloser Verleumdungen zu eröffnen,
und zwar wie Jene in der sicheren Hoffnung, daß die Opfer es unter
ihrer Würde halten werden, uns gerichtlich zu verfolgen, wodurch uns
ein ungestörtes Geschäft garantirt wird, oder daß sie durch
öffentliche Richtigstellung auf unser Blatt aufmerksam und somit Reklame
für dasselbe machen.
Heute veröffentlichen wir die ersten Lügen und Verleumdungen,
welche wir in der Eile ersonnen haben, und machen nur noch darauf aufmerksam,
daß unser Blatt an den bekannten öffentlichen Orten zu haben
ist.
Die Ost-Entehrer der Berliner Wespen.
Herr Buchdruckereibesitzer Ruppel wurde vor einigen Tagen in
dem Augenblick ergriffen, als er über einen unbescholtenen Mitbürger
etwas Ehrenhaftes verbreitete. Natürlich leugnete er und machte den
Versuch, sich den im höchsten Grade Entzückten durch eilige Flucht
zu entziehen. Er wurde aber wieder ergriffen, worauf ihm auf den Kopf zugesagt
wurde, daß er den betreffenden Ehrenmann wirklich nicht mit Koth
beworfen habe. Er mußte dies auch endlich zugeben. Der Vorfall macht
ein enormes Aufsehen.
Herr Dr. Henricinus hielt seinen jüngsten Vortrag vollkommen
frei von jeder ungerechten Beschuldigung. Die Rede zeichnete sich auch
durch anständigen Ton aus. Nicht minder würdevoll war die Haltung
der Hörer, aus deren Reihen in den Momenten, wo der Redner nahe daran
schien, sich weniger gerecht und anständig zu äußern, Mahnrufe
ertönten wie: "Bei der Wahrheit bleiben!" "Keine Kalauer!" u. s. w.
Niemand wurde hinausgeworfen, Niemand beschimpft. Gehauen wurde ebensowenig.
Ein arger Exceß fand gestern in der Wohnung des Hofpredigers
Stöcker statt. Sechs Anhänger Treitschke's, der Zurückhaltung
müde, welcher sich der genannte Verkünder der Nächstenliebe
befleißigte, drangen nämlich in dessen Studirstube, setzten
ihm den Stock des Studenten Schramm auf die Brust und verlangten von ihm,
etwas Liebloses gegen die Liberalen zu sagen. Da der Hofprediger sich dessen
weigerte und erklärte, daß Beruf und Stellung ihm vielmehr die
Pflicht auferlegten, Liebe zu predigen und zu verbreiten, wäre er
wahrscheinlich das Opfer der rohen Eindringlinge geworden, wenn er sich
nicht mit großer Kraftanstrengung losgemacht hätte und in's
Nebenzimmer geflüchtet wäre. Dies verschloß er und predigte
dann laut Frieden und Versöhnung durch das Schlüsselloch. Die
Excedenten ergriffen nunmehr die Flucht.
(Kann fortgesetzt werden.)
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