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Politsches Programm. 

  
 
Von mehreren Seiten werden wir aufgefordert, schon jetzt eine Uebersicht über diejenigen Hetzen möglich zu machen, welche nach der Beendigunge der Katholiken-, Socialisten- und Judenhetze zu erwarten sein werden. Es ist dies schon deshalb keine leichte Aufgabe, weil die eben genannten drei Hetzen noch nicht beendet sind. Trotzdem glauben wir, wenn nicht alle Zeichen trügen, die folgenden mit einiger Sicherheit als unausbleiblich bezeichnen zu dürfen, allerdings nur für den Fall, daß die innere Politik dieselbe bleiben sollte.

Es sind vorläufig zu erwarten:

Die Hanseatenhetze.

Treitschke hat die Bewohner Hamburgs und Bremens bereits als Un- und Mißpatrioten bezeichnet. Varnbüler wird sie als lauter eingeborene Störtebecker an den Pranger stellen. Minnigerode dürfte nicht zögern, ein für allemal den Satz aufzustellen, daß die Hanseaten überhaupt keine Deutschen, sondern Nachkommen der alten westindischen Filibustiers sind. Eine Antihanseatenliga wird gebildet, und in der ersten Versammlung derselben gedenkt Finn zu behaupten, der Schlüssel im Bremer Wappen sei ursprünglich ein Nachschlüssel. Hessel bereitet eine Petition an den Reichskanzler vor, den Hamburger Hafen zuzuschütten und die Alster mit Wasserpest zu füllen. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schwört, die Hamburger Schiffsrheder müßten so klein werden, daß sie auf Kinderbillets fahren. In einer antihanseatischen Versammlung werden Männer, welche, weil sie gute Cigarren rauchen, für Bremer gehalten werden, insultirt und herausgeprügelt. Kardorff erfindet in derselben Versammlung das Wort vom Hanseatenring. Einem Wirth in der Leipzigerstraße, welcher Hamburger Rauchfleisch auf der Speisekarte hat, werden die Fenster eingeworfen. Ein aus Hamburg kommendes Mitglied der Berliner Stadtverordneten-Versammlung, welches sich eines Abends in einem Club ein Streichhol, um sich eine Cigarre anzuzünden, genommen, wird von Ruppel in dem eigends dazu gegründeten Journal "Der Knote" des Holzdiebstahls beschuldigt. In der "Post" wird nachgewiesen, daß die Mehrzahl der Verbrecher Bremer und Hamburger sind.

Die Hanseatenhetze dauert fort, während bereits wüthet:
 

Die Freihändlerhetze.

Dieselbe wird in dem Antifreihändler-Organ "Der Manchesterspiegel" damit eröffnet, daß die Freihändler officiös als den Nihilisten verwandt erklärt werden. Stumm dringt im Reichstag auf ein Gesetz zum Schutz gegen die Freihändler, indem er darauf hinweist, daß in der Wohnung Richters Bomben und Sprengstoffe vorhanden seien. Wehrenpfennig will für die Behausungen der Freihändler eine besondere Dynamitsteuer eingeführt wissen. Die Norddeutsche Allgemeine Post telegraphirt sich aus St. Petersburg, daß die Mörder des Zaren Freihändler seien, desgleichen die Minenleger in der dortigen Gartenstraße. In einer Versammlung der Antidynamiten werden bimetallene Mosle-Medaillen vertheilt, während Stöcker nachweist, daß der Brudermörder Kain Freihändler gewesen sei. Nach Schluß der Versammlung werden unter Absingen des Liedes "Schutzzoll, Schutzzoll über Alles" Rickert die Fenster eingeworfen. In der Reptilienpresse wird warnend bekannt gemacht, daß sich unter den Schutzzöllnern sehr viele Freihändler befinden, man möge sich vor ihnen in Acht nehmen, sie hätten Bomben im Schnupftuch, das Körnchen Wahrheit des Herrn Stumm müsse in's Rollen kommen und den Freihändlerring zerquetschen. Das Corps "Deliria" erklärt, jeden Freihändler und Nihilistengenossen von der Mitgliedschaft ausgeschlossen zu haben. Mosle bezeichnet in einer Rede, welche später gratis vertheilt wird, die ganze freihändlerische Agitation als einen Hexentanz um die goldene 110 zur Erlangung kostenfreier Garderobe, trotzdem seien aber die 700,000 Rubel, welche in St. Petersburg bei einem Nihilisten in zwei Koffern gefunden wurden, freihändlerischen Ursprungs. Der "Reichsbote" verbreitet das Gerücht, Bamberger bewerbe sich um die Hand Louise Michel's. Alle bereits verstorbenen freihändlerischen Schriftsteller werden von Bachem für Meuchelmörder erklärt.

Während die Freihändlerhetze fortdauert, beginnt plötzlich
 

Die Verfassungshetze.

Große Vereinigung aller hetzerischen Elemente zu einem imposanten Ganzen. Es wird überall verkündet, daß die deutschen Verfassungstreuen hängen müssen, aber nicht an der Verfassung des Reiches. Das neue reactionäre Kümmelblättchen "Rhein- und Main-Eid" erklärt die Liberalen für eingewanderte, volksverrathende und volksverkaufende Jünglinge. Es entstehen Kegelclubs, in denen kein Verfassungstreuer mitkegeln darf. Circulation einer bereits von der Unterschrift Mirbach's bedeckten Petition an den Reichskanzler, die Verfassung für bessere Zeiten aufzuheben und anstatt der Zügel die Peitsche der Regierung zu ergreifen. Der preisgekrönte Entwurf zu dem neuen Reichstagsgebäude geräth durch Unvorsichtigkeit in Brand. Liberale, welche löschen wollen, werden als die Brandstifter in Haft genommen. Ein neues Concurrenzblatt der Vossischen, welches sich "Reineke de Vossische Zeitung" nennt, enthält täglich Dutzende von Anzeigen, in welchen Beamte ihre Entbindung von einem gesunden Verfassungseid bekannt machen. Es bricht sich die Ansicht Bahn, daß die Verfassungstreuen, welche man nirgends finde, wo geprügelt wird, überhaupt keine Germanen sind. In einer Versammlung des neuen "Antiparagraphen-Vereins" wird ferner behauptet, die Verfassungstreuen seien schon deshalb keine Deutschen, weil sie nicht zwei Seidel vertragen könnten, die man ihnen an den Kopf werfe. Die Hetzpamphletenverleger machen mit einer Broschüre: "Der Antheil der Verfassungstreuen an den Verbrechen gegen die Sittlichkeit" gute Geschäfte, da sie, auf Norddeutschem Allgemeinem Papier gedruckt, gratis vertheilt und weil für jedes an den Mann gebrachte Exemplar 20 Pfennig aus dem Reptilienfonds bezahlt wird. Der Handel mit Eisbein und Sauerkohl nähert sich einer Epoche der höchsten Blüthe.

Wir behalten uns über die dann zu erwartende Hetze weitere Mittheilungen vor. Vielleicht kommt eine allgemeine Menschenhetze.
 

 

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