Sitzung des Reichstags. Die Versammlung ist bis zur
Beschlußfähigkeit zusammentelegraphirt worden und kommt nicht
mehr lediglich deshalb zusammen, um gezählt und geschlossen zu werden.
Am Tische des Bundesrathes der Präsident Hofmann, neben demselben
bilden die kahlen und behaarten Kommissarien bunte Reihe.
Das Haus setzt die Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung
der Gewerbeordnung fort.
Die socialdemokratischen Abgeordneten haben entdeckt, daß die
Arbeiter durch mache Fabrikordnungen fast ebenso tyrannisirt werden, wie
durch die Statuten der socialdemokratischen Vereine. Dies bringt sie natürlich
außer sich, und es ergreift (glücklicherweise nur) das Wort
der
Abg. Fritzsche. Meine Herren, ich verlange, daß die Fabrik-,
Werkstatt- und Werkplatzordnungen vor ihrer Einführung der Gemeindebehörde
vorgelegt werden. Denn ich kenne eine große Chemnitzer Spinnerei,
in welcher nicht nur gearbeitet wird, -- es wird mein Bestreben sein, gegen
diese üble Angewohnheit der Fabriken fort und fort zu agitiren, --
sondern in welcher auch die Vorgesetzten Rechte haben und nicht allein
die unglücklichen Arbeiter. Diese Ungerechtigkeit muß aufhören.
Ich verlange, daß die Polizei überall einschreitet, wo irgendwie
ein Vorgesetzter stattfindet, welcher die Menschenrechte durch Aufrechterhaltung
der Ordnung etc. körperlich verletzt.
Abg. Lasker warnt vor der Wiedereinführung einer Zeit, in
welcher die Polizei geherrscht hat. Der einzige Weg der Abhülfe sei
der, daß die Fabrikordnungen zur Kenntnißnahme irgend einer
Behörde gebracht werden, welche darüber zu wachen hat, daß
nichts darin enthalten ist, was den guten Sitten und dem Gesetz widerspricht.
(Der Abg. Fritzsche thut ihm nichts.)
Abg. Franz räth gleichfalls, den Antrag Fritzsche abzulehnen.
Abg. Rittinghausen. Meine Herren, die jetzige Institution der
Gesellschaft ist überhaupt faul und nur auf den Nutzen des sogenannten
Bürgerstandes berechnet. Diesen zu stürzen, ist unsere Lebensaufgabe,
und davon leben wir. Wir werden dafür sorgen, daß der Arbeiterfrühling
endlich anbricht und sämmtliche Arbeiter einer Fabrik nicht zu thun
haben, als den Fabrikbesitzer zur Arbeit anzuhalten und die zeit nicht
mit dem Verzehren unseres Schweißes zu vertrödeln.
Abg. Richter (Hagen). Die Herren Socialdemokraten wollen stets
und überall die Polizei, nur nicht in ihren eigenen Kreisen. Der Arbeitgeber
soll mit den Schutzmann zu Bette gehen und wieder aufstehen, aber dem Socialdemokraten
soll er nicht in's Schlafzimmer kommen.
Abg. Rittinghausen. Da der Abgeordnete Richter also die Principien
der Socialdemokratie nicht kennt, so würde es mich freuen, wenn er
sich einmal von uns hier im Hause ausführlich belehren ließe.
Abg. Richter (Hagen). Darauf kann ich mich nicht einlassen, weil
mir Beulen schlecht stehen. Ich will aufrichtig gestehen, daß ich
nicht im Stande bin, es mit den geballten Lehren der Herren aufzunehmen.
Abg. Reichensperger (Crefeld) begrüßt freudig, daß
sich der Abg. Richter jetzt so energisch gegen die Polizeimaßregeln
ausspricht, also anders als auf kirchenpolitischem Gebiet. (Die Versammlung
schreitet aus Furcht vor einer Culturkampfrede zur Abstimmung und lehnt
den Antrag Fritzsche ab.)
§ 123 zählt die Fälle auf, in denen die Arbeiter vor
Ablauf der vertragsmäßigen Zeit und ohne Aufkündigung die
Arbeit verlassen dürfen.
Abg. Hasenclever. Meine Herren, ich wünsche auch, daß
die Arbeiter berechtigt seien, die Arbeit zu verlassen, wenn der Arbeitgeber
oder dessen Vertreter sich eines Diebstahls, einer Unterschlagung, eines
Betruges oder eines liederlichen Lebenswandels schuldig macht. Dies thut
der Arbeitgeber häufiger, als der Arbeiter. Der Arbeitgeber ist immer
ein Verbrecher. Beweis: ich behaupte es! Wer es bestreitet, der komme mit
mir in's Freie, wo uns Niemand sieht. Wird mein Antrag abgewiesen, so wird
der Satz bestätigt, daß unsere Gesetzgebung eine Klassengesetzgebung
ist. Beweis: ich behaupte es! Ueber diesen Satz hat sich vor einigen Tagen
der Abg. Bürgers echauffirt. Derselbe war früher Communist, ist
also ein Renegat. Beweis: ich behaupte es! (Er wird zur Ordnung gerufen.)
Abg. Bürgers bemerkt persönlich, daß er nie zur
Partei der Socialdemokraten gehört, sondern dieselbe stets bekämpft
habe. (Während sich nun der Abg. Hasenclever auf ein anderes Schimpfwort
besinnt, wird sein Antrag abgelehnt.) Zu § 129 beantragen die Abgg.
Ackermann und v. Helldorff eine Einschaltung, durch welche, wie der Letztere
auseinandersetzt, dem leichtfertigen Ueberlaufen der Lehrlinge von einem
Gewerbe zum andern heilsame Schranken gezogen werden sollen.
Damit ist das Signal zu einer Culturkampfdebatte gegeben, woraus hervorgeht,
daß der Reichstag den Lehrlingen das Ueberlaufen von einem Gewerbe
zum andern, seinen Mitgliedern aber das Ueberlaufen von den Lehrlingen
zur Kirche nicht beschränken mag.
Abg. Freiherr v. Hertling. Ich werfe dem Abg. v. Helldorff vor,
daß er mit seiner Partei, der äußersten Rechten, Maßregeln
zustimmt, die die katholische Kirche in Fesseln schlagen, und daß
er kein anderes Recht, als das des Staats kennt.
Abg. v. Helldorf. Ich weiß nicht, wie man die Stirn haben
kann, das zu behaupten, doch ich habe eine Erklärung dafür, --
Sie kokettiren mit der Socialdemokratie.
Abg. Lieber (drängt sich dazwischen). Herr v. Helldorf,
wie können Sie sagen, daß ich kokettire?
Abg. Helldorf. Ich sprach mit Ihnen gar nicht, mein Lieber.
Abg. Lieber. So? Gut, dann halte ich es unter meiner Würde,
Ihnen zu antworten.
Der Präsident (klingelt sie auseinander.)
Abg. Lieber. Herr Präsident, der Helldorf hat geschimpft
und hat mich nicht gemeint. Das lasse ich mir nicht gefallen.
Der Präsident. Ich habe nicht zugehört. Hat Jemand
aber Jemand beleidigt und nicht Sie, so ist das allerdings unparlamentarisch.
Abg. Lieber. Durchaus nicht, und will ich kokettiren, so kokettire
ich lieber mit Most, als mit Helldorf. Jener bindet mich wenigstens nicht.
Der Tumult dauert fort.
Nächster Tumult: Nr. 20 der Berliner Wespen.