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Parlaments-Feuilleton der Berliner Wespen



Sitzung vom 6. April 1881

 
Sitzung des Deutschen Reichstages.

Am Tische des Bundesrathes der Reichskanzler. Neben ihm mehrere Rommel unter fremden Namen.

Die Journalistenloge wird auf's Strengste bewacht. Die Behörden befürchten, wie man hört, daß vom Tische des Bundesrathes aus nach der Journalistenloge geschossen, oder eine Bombe geworfen werden könnte.

Vor dem Eintritt in die Tagesordnung thut sich der weite Zwinger auf, und es erscheint der Abg. Löwe, mähnenschüttelnd erklärend, daß er dem Abg. v. Treitschke, der ihm nicht thun wolle, gleichfalls nichts zu thun gedenke. Das Haus erhebt sich, um das Andenken der beiden am Leben Gebliebenen zu ehren.
 

[Oben: "Marmor-Saal." Unten: "Die Berliner Wespen ihrem professionirten Löwenjäger Treitschke."]

  

Nunmehr wird die erste Berathung des nicht gegen Unfall versicherten Gesetzentwurfes, betreffend die Unfallversicherung der Arbeiter, fortgesetzt.

Abg. Richter (Hagen) erhebt sich zu einer längeren Kritik dieses Gesetzes und der Bismarckschen Politik, die der Reichskanzler bleibend mitanhört, worauf der genannte Abgeordnete während der folgenden Rede des Reichskanzlers gleichfalls jysuisetjyrestet.

Der Reichskanzler. Meine Herren, ich will vor Allem auf einige der letzten Bemerkungen des Herrn Vorredners antworten. Zuvörderst würde ich mich freuen, wenn ich kein Prestige mehr hätte. Prestige ist Ueberfracht. Als ich gar kein Prestige hatte, war mir wohl wie dem Fisch im Wasser, der bekanntlich gleichfalls kein Prestige hat. Anstatt des Prestige habe ich jetzt Höflichkeit, und die ist doch auch was werth. So z. B. antworte ich mit derselben auf alle Telegramme, und als mich daher einige antisemitische Versammlungen bedrahteten, da antwortete ich ihnen sofort, und wenn mir Herr Richte z. B. die Worte telegrammte: "Der hier versammelte Unterzeichnete trinkt auf Ew. Durchlaucht Gesundheit sechs Seidel Bier!" so würde ich antworten: "Bier macht dumm, lieber Eugen, trinken Sie nur weiter." Ich bin kein Antisemit, die Stöcker und Stöcke des Studenten Schramm sind mir nicht sympathisch, aber ich konnte doch nicht wissen, daß Henrici, der mir telegraphirt hat, der bekannte schöne kleine Germane mit der eingedrückten Nase ist. Wie gesagt, ich bin höflich (er zeichnet die Abgg. Lasker und Bamberger durch einige Unhöflichkeiten aus) und lasse mich nicht zwingen, anders zu sein.

Hierauf wendet sich der Reichskanzler zu seiner Unfallversicherung der Arbeiter, welches Institut aus naheliegenden Gründen vornehmlich von den Ministern mit besonderem Interesse betrachtet wird.
 

[Bismarck setzt sich so kräftig auf die Ministerbank, daß die Minister - Finanzminister Bitter und Innenminister v. Puttkamer - zu stürzen drohen.]
 

Abg. Stumm benutzt eine Pause, um dem Abg. Richter allerlei Unangenehmes zu sagen. Sobald er aber merkt, daß der Reichskanzler die Versammlung verlassen will, wirft er diesem einige grobe Complimente an den Kopf.

Nach persönlichen Bemerkungen der Abgg. Lasker und Bamberger und nach einer Rede des Abg. Gneist für und des Abg. Bebel gegen die Vorlage, wird der Letztere natürlich zur Ordnung gerufen und dann die Vorlage in einer Commission von 28 Mitgliedern zur Ruhe bestattet.

Es folgt hierauf die Berathung des Antrages Windhorst und Genossen: Der Reichstag möge beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, er möge beschließen, die Regierung anderer Staaten zu ersuchen, nunmehr den Brunnen zuzudecken.

Abg. Windhorst erklärt sich energisch gegen den Königsmord und die Königsmörder. (Beifall.) Abg. Hänel gleichfalls. (Beifall.) Auch die Polen. (Beifall.) Abg. Kayser enthält sich der Abstimmung, trotzdem aber bleibt der Königsmord ein Verbrechen, und der Antrag wird angenommen.

Nächste Sitzung: Nr. 14 der Berliner Wespen.
 
 
 

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