|
|
Der Orientalische Krieg.
(Originalberichte vom Kriegsschauplatz.)

Vorbemerkung der Redaction.
Das große und gerechtfertigte Mißtrauen, mit welchem das
in Zeitungen blätternde Publikum den Briefen aus Hauptquartieren etc.
entgegenkommt, hat auch uns veranlaßt, einen unserer ownsten Correspondenten,
Herrn Wippchen, der bereits mehrere Eröffnungen des Bockbierausschanks
und zwei Generalversammlungen einer Baugesellschaft mitgemacht hat, auf
den Schauplatz der orientalischen Frage abzusenden.
Kaum war diese Absicht ruchbar geworden, so meldeten sich auch bereits
vier Directoren von renommirten Lebensversicherungs-Instituten, welche
sich bereit erklärten, das Leben unseres Wippchen gegen jede im Kriege
drohende Gefahr unter den billigsten Bedingungen zu versichern.
Gestern nun ist unser Herr Wippchen, vom herrlichsten Wetter begünstigt,
um 11 Uhr Vormittags abgereist. Abends hatten wir schon seinen ersten Bericht
aus Bernau, den wir hier folgen lassen:
I.
Bernau, 3. Mai 1877.
W. Nach zweistündiger Fahrt bin ich hier angekommen und fand in
diesem freundlichen Hussitenstädtchen eine fern vom Geräusch
der Eisenbahn gelegene Wohnung, wo ich mich mit Muße meiner Aufgabe
widmen zu können hoffe. Ich gedenke, Ihnen täglich eine größere
Schlacht zu liefern. Die Lage Bernaus, das steht fest, ist eine dem Unternehmen
durchaus günstige, da es möglich ist, von hier aus täglich
zwei Mal nach dem Kriegstheater abzureisen, aber noch häufiger nach
Berlin zu schreiben.
Schon auf der Eisenbahn sprach man viel davon, daß die Würfel
gefallen seien und der Janustempel wohl so bald nicht wieder in die Scheide
gesteckt werden würde. Darüber war man sich auch am Abend vor
meiner Abreise im "Kaiserhof" bereits ganz einig geworden.
Leider bin ich nicht mit den nöthigen Karten versehen. Mein Stieler,
nach welchem ich in der Schule Geographie lernte, ist doch veraltet, auch
fehlt darin die Karte von der Türkei fast gänzlich. Indeß
höre ich, daß in Bernau die Kölnische Zeitung und die Neue
freie Presse gehalten werden, mit deren Hülfe ich hoffe, mich leicht
orientalisiren zu können.
Vortrefflich war die Idee, mich abreisen zu lassen. Denn ein Kriegsberichterstatter,
das steht fest, darf nicht fortwährend in der Stadt, in welcher seine
Berichte gedruckt erscheinen, gesehen werden.
Das Wichtigste für heute ist, daß der gegenwärtige orientalische
Krieg nicht der erste ist. Es haben, das steht fest, schon mehrere stattgefunden,
deren keiner mit der Vernichtung Rußlands, oder der Türkei geendet
hat. Beide erhoben sich stets wieder wie Aphrodite aus der Asche. Daß
der Halbmond ein kranker Mann ist, kann ich nicht zugeben. Im Gegentheil
glaube ich, daß er gesund ist wie ein Karpfen in Bier, -- würde
er wohl sonst die Vielweiberei bis zur Bigamie treiben können?
Freilich, freilich, Rußland behauptet jetzt, der Bart des Propheten
müsse vom Erdboden rasirt werden, weil die Türkei die Christen
verfolge und quäle. Wie aber, wenn nun plötzlich die Türkei
sagte, auch in Rußland seufzten die Christen unter dem Prokustesbette,
und es müßte deshalb den Russen die Cultur auf die Brust gesetzt
werden, -- was dann?
Und England! Es wird, das steht fest, nicht dulden, daß sich Rußland
nach Außen vergrößert. Aber eine Erweiterung im Innern
wird es doch mit seiner Armada nicht verhindern können.
Wo ist der Ariadnefaden, der uns aus der Scylla dieses Augiasstalles
herausleitet?
Ich schreibe nunmehr meinen ersten Bericht vom Kriegsschauplatz, lege
denselben bei und bitte Sie, mir gleich einige von den neuen goldenen Fünfmarkstücken
zu senden, auf welche man in Bernau sehr neugierig ist.
Leowa, den 24. April
.
W. Die rosenfingerige Eos hatte kaum fünf geschlagen,
als ich mich von meiner nackten Erde erhob und an den Pruth eilte, um die
russischen Truppen denselben überschreiten zu sehen. Es mochten, das
steht fest, 13,000 Mann sein: Tschetschenzen, Svanetier, Ingeschen, Zaporopische
Kosaken, Lesghiern, meist erwachsene Leute, welche auf Glatz marschirten.
Sie sangen ein Lied, welches ich "die Wacht am Pruth" nennen möchte.
Als der General Strobelew mich sah, erklärte er, ich sei ein Spion
und verurtheilte mich zu lebenslänglicher Knute. Ich drehte ihm natürlich
den Rücken zu, lag aber während dessen schon auf der Regimentsbank,
und zwei Kosaken erhoben die Knute des Damokles schon im Todesstreich,
als der General erklärte, ich sollte diesmal noch mit blauem Auge
davonkommen. Ein Kosak schlug mir ein solches, und der General drückte
mir dann die Hand mit der Versicherung, bald sollte in der Türkei
kein Christ mehr seufzen. Ich grüßte, indem ich zwei Finger
meiner rechten Hand an das Auge legte, und der General setzte seinen Weg
fort.
Die Rumänier, welche herbeigeeilt waren, um dem Pruthübergang
mit beizuwohnen, fluchten unter weithinschallenden Hurrahs und schwenkten
mit geballten Fäusten die Hüte.
Ich eilte nach Kars, wo ein Scharmützel stattfand.
Batum, den 26. April.
W. Die Russen und die Türken waren in der Nähe von
Batum aneinandergerathen. Ich stand auf einem Leichenhaufen und konnte
Alles genau beobachten. Die Türken hieben so furchtbar ein, daß
bald ihre sämmtlichen krummen Säbel völlig schlank gehauen
waren. Die Russen ließen sich dies nicht zweimal sagen und schonten
gleichfalls nichts. Der Kanonendonner war schrecklich. Bumm! Bumm! Aber
viel lauter! Einmal gerieth ich zwischen einen Russen und einen Türken,
und Beide schossen zugleich auf mich. Da bückte ich mich rasch, und
Beide sanken, Jeder von der mir vom Andern zugedachten Kugel getroffen,
entseelt zu Boden. Ich kann von Glück sagen. Charons Sense hat mich
wie durch ein Wunder geschont.
Stundenlang wogte das Gefecht. Endlich blieb es unentschieden. Die Russen
sowohl, als auch die Türken haben gesiegt. Ermattet von Strapazen
und Courage schlief ich endlich auf einer Trommel ein und erwachte erst,
als ein Russe einen Wirbel auf mir schlug. C'est la guerre!
Nächstens mehr.
aus: Nr. 18, 10. Jahrgang, 4. Mai 1877
|